Tagsüber Lehrling, abends Student

Belmerin hat duales Studiensystem verinnerlicht: Spaß an der Arbeit

Hanna Kern und Norina Hesse hatten Glück: Die beiden haben sich nach ihrem Abitur für einen der begehrten Plätze im dualen Studiengang Betriebswirtschaft an der Fachhochschule Osnabrück beworben – sie haben das Rennen gemacht. „Das ist eine Riesenchance“, sagt Hanna aus Osnabrück, die bereits im fünften Semester studiert. Sie hatte sich vorher gründlich informiert und wusste, dass Absolventen aus dualen Studien- oder Ausbildungsgängen sehr gefragt sind. Dennoch: Ein duales Studiensystem ist nicht für jeden das Richtige: „Man muss sich seine Zeit schon gut einteilen können“, sagt die Belmerin Norina. Sie studiert im ersten Semester und arbeitet seit fünf Monaten im kaufmännischen Betrieb „Kaffee-Partner“ in Wallenhorst. Wer sich für das duale Studiensystem entscheidet, muss belastbar sein. Hanna weiß aus eigener Erfahrung: „Man schafft das Programm nur, wenn man Spaß an der Arbeit hat und es wirklich will.“ Dann würde man den Aufwand auch nicht als Belastung empfinden.

Je nachdem, wo man studiert, in welchem Betrieb und welche Berufsakademie für die Organisation zuständig ist, unterscheiden sich die einzelnen Programme. Beim Studiengang Betriebswirtschaft, den die Fachhochschule Osnabrück zusammen mit der Verwaltungs- und Wirtschafts-Akademie (VWA) Osnabrück Emsland in dreieinhalb Jahren anbietet, arbeiten Teilnehmer wie Norina und Hanna im ersten Studienabschnitt vier Tage in ihrem Ausbildungsbetrieb, bei dem sie sich auch ganz normal um einen Ausbildungsplatz beworben haben. Am fünften Tag der Woche sind sie in der Berufsschule, und am Wochenende sowie auch gelegentlich an den Abenden besuchen sie Vorlesungen der Fachhochschule.
Nach zwei Jahren absolvieren sie ihre Ausbildungsprüfung und haben einen kaufmännischen Berufsabschluss der Industrie- und Handelskammer (IHK) in der Tasche. Hanna hat diesen Abschluss zur Kauffrau für Groß- und Außenhandel schon absolviert. Für die Belmerin Norina steht er in zwei Jahren bevor. Wer einen wirtschaftlichen Studiengang macht, kann parallel auch eine Ausbildung zum Automobilkaufmann oder zum Speditionskaufmann machen. Wichtig ist, dass es ein kaufmännischer Beruf ist. Wer den Abschluss in der Tasche hat arbeitet in den verbleibenden anderthalb Jahren nur noch drei Tage im Betrieb und besucht zwei Tage die Vorlesungen für sein Studium. Nach sieben Semestern folgt die Bachelorprüfung, und man hat nach insgesamt dreieinhalb Jahren sowohl einen kaufmännischen Berufsabschluss als auch den Studienabschluss „Bachelor of Arts“ sicher.

„Es ist nicht nur, dass man eher fertig wird“, sagt Hanna. Es sei auch hilfreich, dass sie das, was sie im Studium lerne, gleich anwenden könne. Sie erinnert sich an einen Komplex aus dem Bereich „Logistik und Planung“, der sich auch in den meisten Unternehmen wiederfindet. In Hannas Unternehmen geht es bei der Logistik um den Vertrieb von Kaffeeautomaten und den dazugehörenden Produkten. In der Berufsschule hatte sie bereits das theoretische Wissen dafür erworben. „Im Studium ging es nun noch eine Nummer tiefer“, sagt sie. Dort war sie zudem aufgefordert, eine eigene Logistikkette zu planen – genauso wie sie es auch im Unternehmen in der Realität umsetzen muss. Die Dozenten gingen auf die Unternehmen der Teilnehmer in ihrer VWA-Klasse ein. Das sei sehr hilfreich. „Wir haben superviele praktische Beispiele, an denen wir lernen.“
Auch Norina konnte schon in den ersten Monaten ihr Wissen direkt am Produkt „Kaffeeautomat“ anwenden. „Als ich in der Interessentenverwaltung war, musste ich hier die Mailings der Kunden entgegennehmen und auf ihre Wünsche eingehen und antworten.“ Das sei ihr gar nicht schwergefallen, weil sie bereits eine ganz ähnliche Übung im Marketingteil ihres Studiums gemacht hatte.

Für Unternehmer ist die Kombination genauso attraktiv: „Es ist eine Win-win- Situation für alle Beteiligten“, sagt Kaffee-Partner- Geschäftsführer Michael Koch. In seinem Unternehmen habe er in den letzten Jahren sowohl Abiturienten gehabt, die eine einfache Ausbildung gemacht hätten, als auch solche wie Norina und Hanna, die parallel studierten. „Sie können vielseitiger eingesetzt werden und treten selbstsicherer auf “, sagt der Unternehmer. Die Firmen lassen sich das deshalb einiges kosten und übernehmen die Studiengebühren ihrer Auszubildenden – ein weiterer Vorteil des dualen Systems.
 
(Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung, 28. Januar 2009, Autorin: Stefanie Hiekmann, Originalartikel downloaden)

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