Jetzt hat Melitta den Kaffee auf

Filtertüten-Marktführer geht gegen Werbe-Video der Wallenhorster Firma Kaffee Partner vor

Von Angelika Hitzke


Humor ist eine ernste Sache. Oder, um es mit Heinz Erhardt zu sagen: „Solange es Haare gibt, liegen sich die Menschen in denselben.“ Und so könnte es nach einer Abmahnung durch den Konzern Melitta böse enden, dass die Wallenhorster Firma Kaffee Partner, Spezialist für Büro-Kaffeeautomaten, die Schauspielerin und Komikerin Mirja Boes für ein kleines Video auf ihrer Homepage engagiert hat. Frei nach dem Motto: „Was haben guter Kaffee und gute Komiker gemeinsam? Sie verbreiten gute Laune.“
Das findet jedenfalls Caterina Kahlo, PR-Frau aus der Marketing-Abteilung des mittelständischen Unternehmens aus dem Raum Osnabrück. „Wir wollten halt einen lustigen Film machen“, erklärt sie, warum das vergleichsweise kleine Unternehmen auf die als „Comedian des Jahres 2008“ ausgezeichnete Mirja Boes für ihr Werbe-Video kam. Und jetzt Ärger mit Filtertüten-Marktführer Melitta am Hals hat.
 
Zu viel Ekel vor Filtertüten transportiert Schauspielerin Mirja Boes nach Ansicht von Melitta in diesem Spot.
„Wir wollten mit dem Video zeigen, dass eine Sekretärin normalerweise wesentlich mehr Zeit zum Kaffeekochen braucht als mit unseren Kaffeeautomaten“, so Kahlo. Und deshalb ist in dem kurzen Video zu sehen, wie die von der Komikerin gespielte „Sekretärin“ mit spitzen Fingern die gebrauchte, nasse Filtertüte aus der Haushaltskaffeemaschine nimmt, in den Mülleimer wirft, eine neue einlegt und in die (schon wieder) fast leere Dose mit dem Kaffeepulver lugt. Am Bildrand läuft dabei munter ein „Lohnkostenzähler“ mit. Er soll zeigen, dass Kaffee auf Knopfdruck Mitarbeiternerven ebenso schont wie den Geldbeutel des Chefs.
Denn die Frischbrühautomatendes Wallenhorster Unternehmens mahlen und kochen Kaffee aus ganzen Bohnen in 23 Sekunden, erklärt die Werbefachfrau, die nicht versteht, dass die von der Komikerin „augenzwinkernd“ vermittelte Botschaft Melitta so sauer aufstößt.

Der Branchenriese könne darüber gar nicht lachen „und fordert unter Androhung sechsstelliger Beträge die sofortige Einstellung der, so wörtlich, ‚wirklich nicht komischen und extrem unsachlichen‘ Werbung. Dass hier mit Mitteln der Parodie – für jeden klar erkennbar – Kaffeekochen durch eine Top-Komikerin überzeichnet interpretiert wird, ignorieren die Melitta-Juristen“, so Caterina Kahlo.

Und was sagt Melitta dazu? „Wir haben eine Abmahnung geschickt mit der Bitte um Unterlassung der herabsetzenden Werbung, die unser Image schädigt“, teilt deren Pressesprecherin Dr. Annette Kahre auf Anfrage mit. Es sei aber „falsch“, dass darin mit sechsstelligen Beträgen gedroht werde; von Schadenersatz sei keine Rede. „Es werden definitiv keinerlei Sanktionen angedroht“, versichert die Melitta-Sprecherin. Das Video sei „sicherlich eine witzige Idee für Kaffee Partner, für uns ist es kein Witz, denn da kommt eine ganze Menge Ekel vor Filtertüten rüber.“

Kaffee Partners Marketing-Leiter Michael Wiese findet die Reaktion „absolut überzogen“. Da sich die kurze Filmsequenz mittlerweile in zahlreichen Blogs und Twittern finde, könne die Wallenhorster Firma das Video schon technisch gar nicht zurückfahren.
Die von den Melitta-Anwälten minutiös auseinandergepflückten und unter anderem als „unwahr“, „geschmacklos“ und „pauschal-herabsetzend“ bewerteten Mini-Szenen seien von der Komikerin und Schauspielerin in „künstlerischer Freiheit“ gestaltet worden.
Tatsächlich moniert die Sozietät in ihrem 40-Seiten-Schreiben insbesondere „das verzerrte Gesicht“ der Darstellerin. „Allein dieses Gesicht im Zusammenhang mit der Darstellung der erkennbaren Produkte unserer Mandantin ist herabsetzend, weil in extremer Weise unsachlich und herabwürdigend. Daraus folgen Ansprüche unserer Mandantin auf Unterlassung, Auskunftserteilung und Schadenersatz“, heißt es darin unter anderem. Der Streitwert wird übrigens auf 100.000 Euro beziffert.

Durch das juristische Tauziehen kocht die Geschichte jetzt erst richtig hoch. Könnte der große Konzern nicht über seinen Schatten springen und über den kleinen Pikser schmunzeln? Oder sollte der baltische Schriftsteller Sigismund von Radecki recht haben mit seinem Spruch „Deutscher Humor ist, wenn man trotzdem nicht lacht“?
 
(Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung, Ausgabe Mittwoch 11. November 2009)
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